Mindset X.0

Das Motto der Petersberger Trainertage 2019 nimmt nicht nur einen häufig verwendeten Slogan auf, sondern regt zum Nachdenken an: das X als Einladung zum Weiterdenken, als „to be continued“. Als eine Aufforderung zum fortwährenden, flexiblen Anpassen an die jeweilige neue Situation.  Aber es ist auch eine – fast schon freche – Aufforderung zur Reflexion über die Begriffe: Wie muss ein mindset sein, das unserer heutigen Gesellschaft, unserem Leben in einer VUKA-Welt gerecht wird? Und: was bedeutet eigentlich „mind set“? Nutzen wir das Wort (das ja eigentlich für den Begriff „Haltung“, „Einstellung“ steht) lieber, weil wir uns dann zumindest vorgaukeln können, dass wir unser „mind“ „setten“ können? Dann bräuchten wir unsere Haltung einfach nur anpassen an die jeweiligen Gegebenheiten, die ein Geschäft, eine Firma, eine Beratungssituation erfordert. Dass das nicht ganz so „einfach“ ist, wissen wir aus über 30 Jahren Beratungserfahrung nur zu gut. Da trifft das statische Wort „Haltung“ doch eher die menschliche Neigung, an dem festzuhalten, was wir kennen. Veränderung braucht mehr als das. Gute Beratung, die Veränderung begleitet und bewirken soll, bedeutet immer Arbeit am System: gute Beratung heißt, Muster zu finden, zu hinterfragen und gegebenenfalls aufzubrechen. Dr. Stefan Kaduk und Dr. Dirk Osmetz von den Musterbrechern leiten unser Augenmerk auf die vielen Plastikwörter, die wir erkennen müssen, wenn wir Veränderung bewirken wollen: Was steckt hinter Begriffen wie Vertrauen, was bedeutet Leistung oder Team Performance wirklich? Und davon mal ab: was ist eigentlich „das Team“ – in Zeiten von Matrix-Organisationen, wo man von „Teams“ sprechen kann, wenn bereits wenige Aufgaben, die nur in gegenseitiger Abhängigkeit zu lösen sind, die volle Komplexität der Teamkultur greifen lässt. (Bitte denkt über den letzten Satz mal ganz in Ruhe nach…)

 

Wir Berater sollten uns dabei auch immer von der Frage leiten lassen, welche Nebenwirkungen vermeintlich professionelle Handlungen haben. Hier ein Beispiel: Unsere Arbeit erlaubt es uns, viele Einblicke in ganz unterschiedliche Firmen zu erhalten. Auffällig ist ein Trend zu mehr Eigenverantwortlichkeit. Wie sinnvoll ist es dann, auf jeden Handlauf einen Aufkleber anzubringen, dass dieser zu benutzen sei? Solche Inkongruenz gilt es zu hinterfragen und das Augenmerk darauf zu lenken. Neulich musste ich bei einem Unternehmen etwas länger an der Pforte warten – und durfte miterleben, wie lautstark (und letztlich mehr schlecht als recht) ein Zebrastreifen weg-gesandstrahlt wurde – weil der an anderer Stelle, etwa 15m daneben, neu angebracht werden sollte. Solche Entscheidungen sind immer ein Balanceakt – aber sie sprechen auch „ohne Worte“ aus, wie ein Unternehmen gestrickt ist. Wenn wir am Strickmuster etwas verändern wollen (oder sollen), dann bedeutet dies meist, Teile des Gestrickten aufzulösen. (Und dabei entstehen verknuddelte Knäuel, Knoten vorprogrammiert!) Wir Berater müssen dann immer wieder ermutigen, Neues auszuprobieren. Und klarmachen, dass nicht alles Neue gleich gut funktionieren wird. „Nicht alles, was wir ausprobieren, funktioniert – aber alles, was funktioniert, wurde irgendwann ausprobiert“ – so meinen Kaduk und Osmetz in ihrer provokativen Keynote. Sie meinen, dass ein mündiger Mitarbeiter einer vuka Welt keine Meetings mehr braucht – denn Mündigkeit bedeutet, dass sich die Betroffenen dann treffen, wenn sie es brauchen. Ciao Regelmeetings. Ein interessanter Artikel hierzu findet sich hier.

 

Um die 400 Besucher zählten die Petersberger Trainertage, die dieses Jahr wieder im Steigenberger Hotel auf dem Petersberg stattfinden konnten. In dem herrlichen Ambiente mit Blick über eine weite Rheinebene hat der Geist viel freien Raum zum Denken, Reflektieren und „Fliegen“. Sabine Daig und Corina Milek haben die beiden Tage des „Gipfeltreffens der Weiterbildung“ sehr genossen.